Erster Zyklus Chemotherapie – Stationär

Der erste Teil des ersten Zyklus meiner Morbus Hodgkin Chemotherapie fand stationär statt…

Sehr schnell nach der Diagnose und den Untersuchungen sollte dann auch mein erster Zyklus beginnen. Dies war am 17. Oktober der Fall. Einen Tag vorher sollte ich stationär im Krankenhaus aufgenommen werden und dort die ersten drei Zyklustage bleiben. Da man nicht weiß wie der Körper auf die Therapie reagiert ist es sicher eine gute Idee. Noch dazu sind immer Pfleger vorort die einem bei Nebenwirkungen und weiteren Fragen helfen können.

Mein Arzt wollte mich als jungen, neuen Krebspatienten, nicht mit alten, vielleicht schlimmer Erkrankten zusammen in eines der Dreibettzimmer stecken und entschied deshalb, mich auf der Station für Knochenmarktransplantierte unterzubringen. Dort angekommen war ich zunächst verwundert, man konnte nicht einfach die Station betreten, sondern musste erstmal durch eine Schleuse und sich einen blauen Kittel, Hose und Gummischuhe anziehen. Dann wurde ich weiter in mein Zimmer geführt, was nochmal durch eine zusätzliche Schleuse vom Gang getrennt war. Die nächste Tür öffnete sich logischerweise nur, wenn die Vordere geschlossen war. Ich fragte mich, ob diese ganze Vorsicht für mich überhaupt relevant war, doch die Pflegerin erklärte mir, dass ich durch meine Klamotten die sensible Filteranlage beeinflussen würde. So sollte also auch ich nicht meine eigenen Klamotten tragen. Naja, immerhin keine Schmutzwäsche die ich mit nach Hause bringen würde. Ansonsten gab es also für mich ein großes Einzelzimmer mit vielen medizinischen Intensivgeräten, mit Fernseher, Musikanlage, Ergometerrad, Badezimmer und leider auch mit Fenstern, die sich nicht öffnen ließen. Dafür gab es eine Heizungs- und Klimaanlage. Auch dies dient dazu, die Keimbelastung in den Zimmern gering zu halten. In meinen Nachbarzimmern lagen schließlich Leute, die durch ihre Knochenmarktransplantation quasi keine eigene Körperabwehr haben und welche zum Teil nur mit Mundschutz, Handschuhen und allen möglichen weiteren Vorsichtsmaßnahmen besucht werden durften. Ich war dort quasi die Ausnahme, da ich als einziger überhaupt mein Zimmer verlassen durfte oder konnte.

Mein Zimmer für die nächsten Tage

Am Tag der Ankunft wurde zunächst mein frisch implantierter Port angestochen. Klingt schlimm, war es aber gar nicht. Eigentlich ist der Stich vergleichbar mit dem einer normalen Nadel. Als die Portnadel allerdings erstmal saß, spürte ich sie gar nicht mehr, was wirklich angenehm war. Ich wusste sofort, dass dieses Ding Gold wert sein würde. Um den Port zu spülen, wurde ich an eine Kochsalzlösung angeschlossen, die die nächsten Tage noch mein bester Freund sein würde. Das Nervige war also, dauerhaft mit einem Schlauch an einem Gerät zu hängen, mit welchem man umher fahren muss.

Am nächsten Morgen wurde ich zu einer unmenschlichen Zeit von 7 Uhr geweckt, damit ich mich auf die Waage stelle und die Temperatur gemessen werden kann (übrigens sehr wichtig, später mehr dazu). Dann gab es auch schon Frühstück, welches zwar essbar war, aber eben ein Krankenhausfrühstück blieb. Dazu erhielt ich ein paralleles Tablettenfrühstück, womit ich vollkommen überfordert war. Tabletten gegen Übelkeit in mehreren Varianten, und Therapiemedikamente. Insgesamt dürften es so 12 Stück gewesen sein.

Ein Teil meiner Medikamente

Gegen 11 Uhr ging es dann mit den Infusionen los. Am ersten Tag gibt es drei verschiedene Wirkstoffe, alle in einem mehr oder weniger großen Beutel Kochsalzlösung. Jeder Beutel lief etwa 1-1 ½ Stunden kontrolliert dosiert über den Port ein. Derweil fühlte ich mich ganz normal, nur ein bisschen „voll“. Das Mittagessen um 12 Uhr schmeckte mir noch sehr gut und ich aß alles ganz normal auf. Danach allerdings ging es relativ schnell abwärts.Ich fühlte mich sehr schlapp auf den Beinen, bekam einen Tunnelblick als wäre ich total betrunken und wollte mich einfach nur nicht bewegen. Irgendwann kam dann auch noch Übelkeit dazu, was die ganze Sache nicht angenehmer machte. Als meine Eltern nachmittags zu Besuch waren, war ich absolut teilnahmslos und wartete einfach darauf, dass die Zeit irgendwie umging. Ich bekam eine Infusion gegen Übelkeit, die aber nicht wirklich half. Ich bekam immer mehr das Gefühl mich übergeben zu müssen und hielt somit entsprechende Schalen immer griffbereit. Nutzen musste ich sie aber dann zum Glück doch nicht. Als meine Eltern weg waren entschied ich mich zu schlafen, um der unangenehmen Situation zu entgehen. Dies klappte auch ganz gut. Gegen Abend kam mein Arzt vorbei und erkundigte sich sie es mir gehen würde. Er gab mir ein weiteres Mittel gegen die Übelkeit. Außerdem fragte er, ob ich den Tag über genug getrunken hatte, um die Zytostatika auch wieder loszuwerden. Getrunken hatte ich ca. 4 Liter, dazu ca. 3 Liter Flüssigkeit aus den Infusionen. Allerdings war ich kaum auf der Toilette gewesen, um die Menge an Flüssigkeit loszuwerden. Dies sah man mir auch an und ich hatte ein aufgeschwemmtes Gesicht. Ich bekam ein Medikament zum Entwässern, sodass ich in der Nacht dauernd auf die Toilette musste. Allerdings schlief ich ansonsten recht gut, mein Körper schien also sehr angestrengt zu sein.

Auch am nächsten Morgen wurde ich sehr früh geweckt und ließ die Wiege- und Temperaturprozedur über mich ergehen. Ich hatte durch die ganze Flüssigkeit noch immer zwei Kilo zugenommen. Auch hatte ich immer noch mit Übelkeit zu kämpfen und schaffte es mit viel Mühe, immerhin ein Brötchen zu essen. Dazu musste ich mich aber wirklich zwingen, weil ich wusste dass ich sonst sehr schnell Kreislaufprobleme bekomme. Gegen 11 Uhr kam mein Arzt und brachte die Infusion vorbei, die ich bekommen würde. Etoposid, ein Medikament welches ich auch am vergangenen Tag schon bekommen hatte. Ich ließ die Infusion über mich ergehen und verbrachte die Zeit mit Fernsehen. Das Mittagessen fiel für mich aus, dazu war die Übelkeit einfach zu stark. Ich bekam also wieder eine kleine Infusion dagegen. Danach allerdings bekam ich wieder diesen „Tunnelblick“ und fühlte mich irgendwie verwirrt. Ich konnte nicht ausmachen, woran es genau lag. Ich habe dieses Gefühl aber auch, wenn ich lange Zeit nichts gegessen habe. Doof nur, dass an Essen nicht zu denken war.

Als am Nachmittag meine Eltern kamen, wollte ich unbedingt an die frische Luft, sodass ich mich mit ihnen auf den Weg nach draußen machte. Also ab durch die Schleuse, umziehen und langsamen Schrittes Richtung Fahrstuhl. Ich fühlte mich deutlich schlapper als normal, aber die Bewegung tat gut. An der frischen Luft merkte ich wie meine Übelkeit zumindest soweit nachließ, dass ich Hunger entwickelte. Ich aß ein Marzipan-Croissant. Durch den Zucker verließ mich auch bald das „Verwirrt“-Gefühl. Nach einiger Zeit verabschiedete ich mich von meinen Eltern und ging zurück auf mein Zimmer. Es war eine gute Idee gewesen nach draußen zu gehen, ab jetzt ging es mir von Zeit zu Zeit immer besser. Das Abendessen schmeckte mir generell einfach nicht, aber zumindest konnte ich es essen ohne dass mir übel wurde. Danach fühlte ich mich wirklich gut und ich konnte sogar wieder lachen. Den Abend verbrachte ich wieder mit Fernsehen und hielt meine Freunde auf dem Laufenden, wie es mir so geht.

Auch an Tag 3 wurde ich wieder viel zu früh geweckt, mir war wieder übel und ich hatte absolut keinen Appetit auf das Frühstück. Ich zwang mich also wieder, immerhin ein Brötchen zu essen. Ansonsten wiederholte sich bis zum Mittag Tag 2: Ich bekam wieder die Infusion, fühlte mich verwirrt und mir war übel. Mittags zwang ich mich trotzdem, etwas zu essen, was eine gute Idee war. Dadurch ging zumindest die Verwirrtheit weg. Auch sonst verlief der Tag ähnlich. Mit meinen Eltern war ich wieder an der frischen Luft, wodurch ich mich besser fühlte und auch die Übelkeit ging nach und nach weg, sodass ich vernünftig zu Abend essen konnte. Anschließend kam mein Arzt und der Stationsleiter vorbei und erkundigten sich wie es mir geht und ob ich am nächsten Tag nach Hause möchte. Natürlich wollte ich das, ich konnte die labbrigen Brötchen morgens und abends wirklich nicht mehr länger ertragen.

So freute ich mich am nächsten Morgen besonders auf das frühe Aufstehen, weil ich endlich nach Hause konnte. Die Übelkeit war weg, ich fühlte mich der Situation angemessen fit. Bevor ich gehen konnte, bekam ich noch eine Spritze, die für den Aufbau von Leukozyten gedacht ist. Durch die Medikamente werden diese Zellen, die für die Immunabwehr zuständig sind, stark dezimiert und man ist deshalb besonders anfällig für Infekte. Die Spritze hilft dabei, die Leukozyten schnell wieder aufzubauen. Man sagte mir noch, dass es dadurch sein kann, dass ich starke Knochenschmerzen bekomme, aber davon blieb ich zum Glück verschont. Nun konnte ich also wirklich gehen…

Zuhause angekommen gab es für mich ein zweites Frühstück, endlich wieder Nutella und ein Schokocroissant. Die Übelkeit war weg, der Appetit war da…

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